Du gehst zu Fuß?

Wenn ich jemandem sage, dass ich am liebsten zu Fuß gehe, ernte ich in aller Regel einen erstaunten Blick. Und eine Frage: „Wie, Du gehst zu Fuß?“ Mein Gegenüber erwartet dann immer eine Erklärung wie zum Beispiel: Ich tue das für meine Gesundheit. Ich gehe, um abzunehmen. Ich will ein Zeichen setzen für weniger Energieverbrauch. Ich will abschalten, zu mir selbst finden, Stress abbauen – Aufenthalte in der Natur stärken nachweislich das Immunsystem – …. . Zugegeben: All das sind Nebeneffekte des Gehens, das spüre ich deutlich. Ich hatte mal einen zu hohen Blutdruck und mäßiges Übergewicht, jetzt nicht mehr. Ich fühle mich körperlich rundum wohl und psychisch auch. Ich bin ruhiger und achtsamer geworden, glaube ich wenigstens. Wenn ich nicht mit dem Auto fahre, verbessert mein tägliches Gehen natürlich auch irgendwie, zumindest geringfügig, meine persönliche Klimabilanz. Aber für mich sind das eigentlich eher angenehme Nebeneffekte.

Die Erwartungen nach Erklärung macht mich manchmal etwas verlegen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass man als mobiler Mensch in einer automobilen Welt zu einem Kuriosum geworden ist, zu einem lebenden Fossil.

Als Fußgänger erobere ich mir eine konsumfreie Zeit in einem konsumfreien Raum. Für die Langsamkeit und Beschaulichkeit des Gehens gibt es keinen Markt. In Alltagskleidung, mit gewöhnlichem festen Schuhwerk, mit einem Schirm für Regentage ausgestattet, kann man sich nur als Fußgänger echte , unmittelbare Naturerfahrung zurückerobern.

Als Fußgänger registriere ich die unglaubliche Vielfalt und die Schönheit der Natur. Vom Zwang der angestrengten Sportlichkeit des sich in der Natur bewegenden Menschen befreit, kann ich stehen bleiben, ohne die Stoppuhr anzuhalten, sehen ohne den Blick durch den Sucher der Kamera einzuengen, beobachten ohne dabei auf die Uhr zu schauen.  Beim Gehen tausche ich Naturferne gegen Nähe.  Auch das ist ein Zweck, das weiß ich. Aber er erscheint mir nicht ganz so banal, wie die anderen genannten Gründe. Für mich ist das konsequente Gehen zu einer neuen Art der Weltaneignung geworden.

Unsere gegenwärtige Mobilitätskultur hat uns Geschwindigkeit und Zeiteffizienz gebracht, aber uns dafür die detaillierte, authentische  Wahrnehmung unserer unmittelbaren Umgebung  genommen. In einer automobilen Gesellschaft ist auch unser Sinn für die Schönheit und die faszinierende Komplexität von Natur verlorengegangen, weil wir unser Sehen, Hören, Riechen, Fühlen von unserer unmittelbaren Erfahrung abgekoppelt haben. Wir erleben Landschaft aus der Distanz des Innenraums unserer Autos oder aus der Bequemlichkeit eines Intercity-Abteils.

Im Zeitalter technisierter Mobilität wird der Wunsch, sich neue Räume zu erschließen und ausgetretene Pfade zu verlassen, zunehmend frustriert. Frustrierte Wünsche sind der Urgrund unserer Sehnsüchte, und wir kompensieren sie mit Konsum. Abenteuerreisen haben Hochkonjunktur, der Markt für Outdoor-Equipment ist riesig und und der Absatz von Off-Road-Fahrzeugen und SUVs, mit denen man den ganzen Krempel in die Natur kutschiert, boomt. Aber zu Fuß geht fast niemand.

Wenn wir außerhalb unserer Stadt- und Dorfhabitate Natur aufsuchen, dann um auf asphaltierten Wegen zu joggen, woggen, powerwalken, skaten, rollern und biken. Mit dem Mountainbike veranstalten wir Cross-Country oder Downhillrennen, wir reiten Wellen, wir surfen mit dem Wind, wir klettern frei oder mit Seilen. Alles, was wir als Outdoor-Activity in unserem „Pseudo-Individualismus“ praktizieren, wird massenwirksam beworben und mit den Produkten einer gewaltigen Equipment-Industrie ausstaffiert, die Milliarden Umsätze allein in Deutschland macht.

Die Werbung verknüpft grandiose Naturkulissen mit dem Versprechen von  gesteigerter Leistungsfähigkeit und körperlicher Fitness. Wenn wir Natur aufsuchen, dann vor allem um unsere Funktionskleidung tragen zu können, in Ruhe unser Bier in der Wildnis trinken zu können oder unsere teuren „Utilities“ in den Freizeitraum Wildnis zu transportieren. Natur ist zum Aktionsort der Freizeitindustrie verkommen, bestenfalls dient sie als grandiose Kulisse für immer neue mit Konsum verbundene Trendsportarten. Im Bestreben, selbst gesteckte Leistungsziele zu erreichen, fokussieren wir uns auf physische Selbstoptimierung, statt unsere Wahrnehmungsfähigkeit zu trainieren und zur Ruhe zu kommen. Vor lauter Konzentration nicht vom Rad zu fallen übersehen wir die faszinierende Vegetationsvielfalt der Wegränder, das stille Leben in den Wäldern, das ewige Weben der Evolution an dem feinmaschigen Netz der Evolution.

Der aufrechte Gang, unsere artgerechte, natürliche Art der Fortbewegung, findet nur noch statt zwischen Parkplatz und Shopping-Mall oder Büro. Das Schritttempo, mit dem wir uns seit 150.000 Jahren räumlich fortbewegen ist aus der Mode gekommen. Selbst in unserer Freizeit kommen wir nicht zur Ruhe, sondern versetzen uns in den evolutionären Fluchtmodus des Laufens und Jagens und tasten uns in ausgefeilten Trainigsmodulen an die Grenzen unserer körperlichen Belastbarkeit heran, damit wir den Belastungen des Berufslebens standhalten können. Die Beschaulichkeit des Schritttempos und die kontemplative Qualität des Gehens meidet man.

»Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unserer Anschauungsweise und in unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahn wird Raum getötet, und es bleibt nur noch die Zeit übrig«, notierte Heinrich Heine nach seiner ersten Zugreise im Jahr 1843. Tempo und Mobilität sind die Schlüsselwörter  für den modernen, zukunftsoptimistischen Lebensstil geworden. Eine dieser Veränderungen ist, dass unsere Wahrnehmung oberflächlich geworden ist, besonders im Umgang mit Natur. Und wieder Heine: „Während aber die große Menge verdutzt und betäubt die äußere Erscheinung der großen Bewegungsmächte anstarrt, erfaßt den Denker ein unheimliches Grauen, wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind.“

Seit fast einem Jahr lege ich an Arbeitstagen mindestens meinen täglichen Weg zu meiner Schule – ich bin Lehrer in Adenau- zu Fuß zurück. Einen Teil meines Morgens, meistens der Zeitraum zwischen Viertel vor sieben bis halb acht, habe ich für das Gehen in der Natur reserviert. Statt sitzend mit dem Auto in einer klimatisierten Fahrgastzelle bei Radiomusik alles in allem passiv zu meiner Arbeit zu kommen, habe ich mir damit einen täglichen Freiraum für einen aktiven, und sinnlich erfahrbaren Aufenthalt in dem Raum, den wir Natur nennen, geschaffen. Ich möchte sehen, riechen, hören, fühlen, wie sich meine Wahrnehmungen meines täglichen Wegs im Laufe eines Jahres verändert. Ich möchte  wieder Hitze und Kälte, Nebel, Regen und Wind unmittelbar spüren und bin nicht mehr auf Distanz zu meiner Umwelt. Ich möchte den Wechsel der Jahreszeiten erfahren, und dabei so wenig wie möglich abgelenkt sein durch Zivilisationslärm oder menschliche Gesellschaft. Ich will Pflanzen, Insekten Vögeln und gelegentlich auch der Großtiere des Waldes in unserer Restnatur erkennen. beobachten und beschreiben.

Dafür stehe ich jeden Tag 45 Minuten früher auf, um rechtzeitig an meiner Schule zu sein. Für den Rückweg brauche ich fast immer deutlich länger. Dann gehe ich abseits der Autostraße Umwege von bis zu 10 Kilometern und mehr. Wo ich wohne, ist man leider von Ostern an bis in den späten Herbst durch den Lärm des Nürburgrings belästigt.

Am Morgen begleitet mich der Berufsverkehr der Pendler, weil mein Fußweg nicht weit von der Hauptstraße entfernt verläuft. Auf meinem Nachhauseweg weiche ich dem Motorenlärm aus, indem ich Wege durch die zahlreichen engen Kerbtäler im Lärmschatten der Berge der Hocheifel um Adenau wähle.

Ich erschaffe mir so einen Erholungsraum, der nicht kommerzialisiert ist. Hier werden meine Gedanken nicht von Mitmenschen, Hektik und Betriebbsamkeit gestört.

Inzwischen gehe ich nicht nur zu Fuß zur Arbeit und zurück. Ich gehe zu Fuß einkaufen, wenigstens solange mein Einkauf sich ohne größere Probleme in meiner Tasche transportieren lässt. Entfernungen unter drei Kilometern gehe ich fast ausschließlich zu Fuß. Ich gehe, wann immer ich kann und wo immer ich bin am liebsten zu Fuß. Jeder Gang ist eine kleine Entdeckungsreise.

Auf meinen Wegen kommt es jedesmal zu ganz neuen Begegnungen, allerdings so gut wie nie mit Menschen. Als Fußgänger ist man außerhalb der Ortslagen und der ausgewiesenen Rad- und Wanderwege fast immer allein. Morgens kommen mir immer zwei Hundebesitzer entgegen, die sich und ihren Tieren etwas Begegnung verschaffen, und ein Arbeiter, der unterwegs ist zu seiner Firma in Leimbach.

Die Zahl der Gassigänger erhöht sich geringfügig, sobald ich in der Kleinstadt Adenau ankomme. Erstaunlich wenige Kinder sind morgens zu Fuß unterwegs in ihre Schule. Zu Fuß gehen die meisten nur von der Bushaltestelle bis zum Schulgebäude. Viele werden von ihren Eltern bis an den Rand des Schulhofs kutschiert.  Erwachsene sieht man überwiegend allein in ihren Autos sitzend – zu Fuß gehen nur sehr wenige.

Mein Hinweg zur Arbeit beträgt ziemlich genau vier Kilometer. Diese Strecke gehe ich 200 mal im Jahr. Wenn ich morgens zu meiner Arbeit aufbreche laufe ich entlang eines asphaltierten Rad- und Wanderwegs. Der führt, durch einen breiten Heckensaum getrennt, entlang der Bundesstraße, über die dann noch nicht allzu viel Verkehr läuft. Die meisten Pendler in Richtung Bonn und Köln haben dann bereits die Autobahnen der Umgebung erreicht und sich in die langen Kolonnen der Kraftfahrzeuge eingereiht. Für den Schulverkehr nach Adenau ist es noch zu früh, wenn ich losgehe. Nur wenige Einpendler nach Adenau sind jetzt unterwegs.

Mein Rückweg ist meistens deutlich länger.  Für meinen Weg wähle ich in der Regel Umwege. Ich erlaufe mir so die Waldwege, Feldwege, Saumwege, wenig ausgetretene Pfade in der Umgebung von Adenau. Mitunter geht es auch über Wildwechsel oder querfeldein oder durch den Wald, abseits von vorgegebenen Wegen.

In unseren Landschaften kann man sich nicht nicht verlaufen. Da, wo ich gehe, weisen manchmal Wegmarkierungen aus, dass man sich auf einem offiziellen Wanderweg befindet oder auf einer Mountainbikestrecke, aber solche Hinweise brauche ich nicht. Wenn ich irgendwo rechts in ein Gelände oder auf einen Wirtschaftsweg einbiege, dann muss ich mich irgendwann wieder nach links wenden, um so in einem großen Bogen zu meiner Wohnung zurückzufinden.

Eine Wanderkarte brauche ich nicht, und auch kein GPS, das mir jederzeit sagen könnte, wo ich mich genau befinde. Man kann sich mit seinen Sinnen orientieren. Die Sonne nimmt jeden Tag den gleichen Verlauf, der Moosbewuchs frei stehender Bäume zeigt uns wo Westen ist. Ein Rinnsal fließt immer bergab zu einem Bach. Und alle Bäche münden hier in der Ahr. In der Talsohle des Eifelflüsschens liegt die Bundesstraße und auf der anderen Seite der Rad- und Fußweg, den ich morgens zur Arbeit genommen habe. Eine grobe Idee von der Topographie der Gegend habe ich im Kopf, die Details überlasse ich dem Zufall. Verlaufen kann man sich hier nicht.

Mein Smartphone bleibt in meiner Hosentasche, aber es ist manchmal so eingestellt, dass ich später den gegangenen Weg nachvollziehen kann. Dann kann ich zu Hause nachsehen, wie die Berge heißen, über die ich gelaufen bin, und die kleinen Bäche, die in Millionen Jahren langer Geduldsarbeit die vielen Kerbtäler geschaffen haben, die für die Landschaften der Hocheifel bei Adenau so typisch sind.

Ihre Namen verraten etwas über die Menschen, die diese Namen vergeben haben. Als Begriffe sind sie oft nicht einmal mehr denjenigen Zeitgenossen bekannt, die hier wohnen. Die Forstleute kennen sie noch, weil sie gelegentlich hier Holz schlagen, ihre Fichtenkulturen ausdünnen, und die Bauern, die hier ab und zu nach dem Jungvieh auf abgelegenen Weiden sehen müssen, das hier den Sommer verbringt.

Mittlerweile bin ich ein guter Gehender geworden. Ich halte meine Sinne offen für die unglaubliche Vielfalt, die mir in der Natur begegnet. Nach und nach werde ich zum Spurenleser. Pflanzen, Insekten, Vögel,  die ich aus der Nahsicht meiner langsamen, menschlichen Gangart heraus entdecke, fotografiere ich, um sie zu Hause zu bestimmen und zu verstehen. Seit ich gehend einen großen Theil des Jahres in der freien Natur zubringe, lerne ich mehr und mehr ihre Wichtigkeit einzusehen.

Ich will in den Kreaturen kleine Wunder der Schöpfung entdecken. Heute hilft uns die Wissenschaft, die sinnlich erfassbare Natur im Zusammenspiel der Jahreszeiten, des Klimas, der Böden, von Flora und Fauna zu erklären, wenn wir sie denn begreifen wollen. Das ist viel faszinierender und ergiebiger als ein mit vagem Gefühl aufgeladenes, romatisierendes Schwärmen. Die Wunder sind gegangen, aber das Wunderbare ist geblieben.

 

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