Vom Leben und vom Sterben

Ich habe mal von einer buddhistischen Achtsamkeitsübung gelesen, die dem Menschen empfiehlt, die Augen zu öffnen für Bilder, in denen man die Vergänglichkeit und das Sterben erkennen kann.

Bei meinem heutigen Herbstspaziergang habe ich eine zerfallende Bank entdeckt. Es muss schon lange her sein, dass ein Wanderer sich hier ausgeruht und seine Stullen gegessen hat. Die schöne Aussicht ist inzwischen zugewachsen mit jungen Bäumen. Eine halbstarke Birke hat sich zwischen die Sitzfläche und die Lehne der Bank gezwängt. Einer der beiden Pfosten hat schon nachgegeben und Raum für das Wachstum des jungen Baumes gemacht. Bald werden die umstehenden Bäume auch die Sitzfläche der Bank von ihren Betonsockeln werfen, Wasser wird in die offenen Betonporen eindringen, der Frost wird sie mit jedem vorübergehenden Winter kleiner sprengen und mehr und mehr zerbröseln.

Das Schicksal der zerfallenden Bank scheint wie geschaffen als Metapher für die Themen Vergänglichkeit, Verfall und Morbidität, die wir gerne dem Herbst andichten. In der melancholischen Atmosphäre von Regen, Nebel, gefallenen Blätter und dem schwindenden Grün entwickeln wir ein Gefühl von Traurigkeit und Melancholie. Die Vögel sind verstummt, auf den verlassenen Wegen hört man nur seine eigenen Schritte. Unwillkürlich fällt einem das „Memento mori“ – „Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst“ der mittelalterlichen Mönche ein. So scheint es! „Vanitas“ – „alles ist eitel und vergänglich“ . „Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden. | Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen asch und bein. | Nichts ist das ewig sey / kein ertz kein marmorstein. | “ heißt es in der Dichtung des Barock. (Andreas Gryphius) Sogar eine Sitzbank muss vergehen, wird sterben.

Doch wir übersehen bei solcher Gedankenschwere, dass diese Bank voller Leben ist. Moose haben auf ihr Platz genommen, Flechten wachsen dort wo sich früher Menschen zurückgelehnt haben. Zusammen mit Pilzen und Bakterien haben sie das Holz der Streben weich und brüchig gemacht und unterstützen die vandalisierenden Birken in ihrem Zerstörungswerk. Dort, wo vor langer Zeit die Füße der Wanderer den Boden festgetreten haben, hat eine dicke Laubschicht die Eicheln, Eckern, Beeren, Nüsse und Zapfen der umliegenden Bäume überwinterungsfest eingemulcht. Im nächsten Frühjahr werden sie aus dem schwarzen Waldboden hervorsprießen, als Bäume wachsen, blühen, wenn sie Glück haben, oder sie dienen den Rehen, Hirschen und Wildschweinen als Äsung. Manche werden schon in einem nahen Herbst wieder Früchte tragen.

Die Lebewesen des Bodens wie Regenwürmer, Tausendfüßler, Asseln, Käfer, die Larven vieler Insektenarten ziehen die Laubstreu in den Boden und ernähren sich davon. Was sie übriglassen zerkleinern dann Fadenwürmer, Springschwänze und Milben, damit die Enzyme der Bakterien und Pilze ihre Ausscheidungen wieder in ihre mineralischen Bestandteile zerlegen können. Durch die Mineralisation von totem, organischen Material durch eine Vielfalt an lebendigen Organismen werden die Bausteine des Lebens wieder den Wurzeln der Bäume, Sträucher, Hecken, Farne, Waldblumen zugänglich gemacht.

Der Blick auf die Vergänglichkeit der Dinge und der Einzelorganismen zeigt: Im verwobenen Netzwerk der Natur gibt es keinen Tod in der Unerbittlichkeit und Endgültigkeit wie wir Menschen es uns vorstellen. Leben ist ein permanenter Transformationsprozess und wir sind ein Teil davon. Natur ist ein ewiger Zyklus, in dem es kein Leben ohne Tod gäbe und kein Tod ohne Leben. Wir Menschen sind diesen Kreisläufen untergeordnet und mit ihnen eng verwoben.

So geht nichts von dem Sternenstaub, den wir in unserer Existenz akkumuliert haben, verloren.

Das, was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn. (Antoine de Saint-Exupéry)

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