Entschleunigt!

Keine Zeit verlieren, schnell reagieren, ständig in Alarmbereitschaft sein, nur noch schnell die Mail checken. Red Bull und Pizza statt Erholung und selber kochen, Multitasking statt Achtsamkeit und Konzentration auf das Wesentliche. Der Tempo- und Verfügbarkeitswahn ist eine der vielen nervigen Plagen unserer Zivilisation.

Die Schneckenseele hat, was wir bräuchten: Ruhe und Gelassenheit. Don’t worry, be happy!

Entschleunigt und entspannt lebt die Weinbergschnecke (Helix pomatia) ihr Leben. Wenn es ihr zu heiß, zu kalt, zu gefährlich wird, bunkert sie sich in ihren stabilen Kalkhäuschen ein. Im Winter vergräbt sie sich , verlangsamt ihren Stoffwechsel und überlebt sogar arktische Temperaturen von minus 40 Grad Celsius.

Wenn es zu heiß ist, verschließt sie ihr Häuschen mit einem Kalkdeckel, um sich vor Austrocknung zu schützen. Sie fällt in eine Trockenstarre und wartet auf die nächste Regenphase. Sie ist dann mal weg!

Ihr Terrain erkundet sie mit Hilfe von vier Fühlern. Mit den oberen Fühlern, auf denen die „Stielaugen“ sitzen, kann die Schnecke sehen, aber auch riechen. Mit den unteren Fühlern tastet und schmeckt sie.

Konzentriert auf das Wesentliche kriecht sie mit einer Höchstgeschwindigkeit von 4,30 Metern in der Stunde durch ihren Lebensraum, der einen Radius von nicht mehr als 30 Meter hat. Darin überwindet sie jedes Hindernis. Auf ihrer selbst produzierten Schleimspur gleitet sie über jedes Barriere hinweg. Selbst scharfe Glaskanten überwindet sie unverletzt. Mit ihrem großen Kriechfuß klettert sie sogar als geschickte Kletterin auf Bäume. Und wenn eine Gruppe von Ameisen ihr zu Leibe rücken will, umgibt sie sich mit einer dicken, undurchdringlichen Schleimschicht, und vor hungrigen Vögeln zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück. Sogar für einen Igel ist eine so verschanzte Weinbergschnecke eine Nummer zu groß. Der einzige Fressfeind, den sie zu fürchten hat, ist der Gourmet. Ihr Haus ist ihre Burg.

Bummeln als Lebensprinzip zeigt sich auch bei der Nahrungsaufnahme – Slow Food statt Fast Food! Im meditativen Schneckentempo mampft sie am liebsten verwelkte Pflanzenteile. Wenn man sich die Zeit nimmt, kann man sogar hören, wie ihre Rapula genannte Raspelzunge mit ihren 40.000 mikroskopisch kleinen Zähnchen ihre Nahrung zerkleinert. Weinbergschnecken sind strenge Vegetarier, auch wenn man immer mal wieder liest, sie würden die Gelege von Nacktschnecken verzehren. Das ist nicht belegt.

Auch beim Sex lässt die Weinbergschnecke sich Zeit. Eine Schneckenhochzeit dauert locker 20 Stunden – Slow Sex statt Quickie. Weinbergschnecken sind Zwitter, die aber zur Fortpflanzung einen Partner brauchen. Sie kopulieren, indem sie sich Fuß an Fuß gemeinsam aneinander aufrichten. Dabei treiben sie sich gegenseitig sogenannte Liebespfeile in den Körper. Das Durchbohren mit dem etwa ein Zentimeter langen Kalkstachel dient dabei nicht der Übertragung von Spermien, sondern findet parallel dazu statt. Injiziert wird dabei ein Drüsensekret, das beim den Sexpartnern hormonähnliche Wirkungen auslöst.

Auch mit der Eiablage lässt das Tier aus der Ordnung der Landlungenschnecken sich alle Zeit der Welt. Nach vier bis sechs Wochen legt die so befruchtete Schnecke zwischen 40 und 60 Eier in eine mit Hilfe des Kriechfußes gegrabene Erdmulde, die sie danach wieder zuschiebt.

Wenn die jungen Weinbergschnecken nach zwei Wochen schlüpfen und sich an die Erdoberfläche graben, sind sie nur ein Zehntel Gramm schwer und haben zunächst ein noch weiches Schneckenhaus. Die meisten Jungtiere fallen deshalb Fressfeinden zum Opfer und nur 5 von 100 Schneckchen schaffen es bis zur Geschlechtsreife.

Schnecken in freier Natur werden bis zu acht Jahre alt. Geschlechtsreife erlangen sie erst mit 5 Jahren. Solange dauert es auch, bis sie ausgewachsen sind und ihr Schneckenhaus seine finale Größe mit einem Radius von 3-5 Zentimetern erreicht hat.

Weinbergschnecken brauchen einen Lebensraum, in dem sie Kalk aufnehmen können. Die Kalkeifel um Marmagen ist deshalb für sie ein guter Lebensraum.

In England heißt die Weinbergschnecke übrigens Roman Snail. Der Name erzählt uns, dass die Menschen die Ausbreitung der kriechenden Delikatesse seit der Antike gefördert haben. Doch wer jetzt Lust auf ein Schneckenpfännchen in Kräuterbutter bekommt, sollte sich lieber an den Handel halten. Nicht nur in Delikatessenläden werden Schnecken aus Gehegezucht angeboten. In Deutschland sind Weinbergschnecken „besonders geschützt“. Und das ist gut so. In ihrem Lebensraum verrichten sie einen wichtigen Beitrag als Verwerter pflanzlicher Abfälle.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Ursula Lentz sagt:

    Interessant und sehr schön getextet.
    Ich schaue immer wieder gerne in Ihren blog.

    Gefällt 1 Person

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