Schattenschönheit

Man muss auffallen um gesehen zu werden. Aufmerksamkeitskämpfe gibt es nicht nur unter Menschen. Auch in der Natur muss man sich als Pflanze im tiefen Schatten mächtiger Bäume kräftig ins Zeug legen, um gesucht, gesehen und gefunden zu werden.

Die kleine, hübsche Blüte des Waldsauerklees (Oxalis acetosella) mit den lilafarbenen Saftmalen und den honiggelben Flecken am Blütenboden gehört zu den Pflanzen , die sich mächtig anstrengen müssen, um von Bestäubern angeflogen zu werden. Sie ist im Tiefschatten unserer Wälder zu Hause, wohin sich die wärmeliebenden Insekten nur selten verirren. Hier ist Attraktivität genau so überlebenswichtig wie die Fähigkeit, noch mit einem 160stel des normalen Tageslichts Photosynthese betreiben zu können. Der Waldsauerklee mit seinem dunkelgrünen Blattwerk gilt unter den heimischen Pflanzen als der absolute Champion, was seine Schattenverträglichkeit betrifft.

Wenn die helle Frühlingssonne die Pflanze direkt bescheint, dann faltet sie ihre Kleeblätter zusammen, um unnötige Verdunstung zu vermeiden. Ähnlich den Mimosen reagiert die Pflanze auch auf Erschütterungen mit einem abrupten Zusammenfalten der Blätter.

Für den Fall, dass sich trotz der bemerkenswert schönen Blüte kein Bestäuber locken lässt, hat sie für ihre Fortpflanzung eine Ersatzstrategie in petto. Denn für alle Fälle bildet sie nach den offenen noch eine zweite Blüte aus, bei der ihre fünf Kronblätter geschlossen bleiben, und in der eine Selbstbestäubung stattfindet. Sicher ist sicher! Mit diesem „Ass im Ärmel“ ist selbst am schattigen Waldboden dann die Vermehrung sichergestellt.

Und noch eine Überraschung hält der immergrüne Bodendecker parat. Der Waldsauerklee gehört wie die Springkräuter zur Gruppe der in der heimischen Flora seltenen Saftdruckstreuer. Ist die Samenkapsel reif, dann baut sich im Innern der Pflanze der ungeheure Druck von 16 bar auf um ihre Samenkörner explosionsartig in die Umgebung zu verstreuen. Zum Vergleich: Ein Autoreifen hat „nur“ 2,5 bar.

Der Waldsauerklee ist eine Reliktart. Dabei handelt es sich um Pflanzenarten an einem Standort, dessen klimatische Bedingungen nicht mehr die typischen Voraussetzungen für diese Art erfüllt. Die meisten Oxalis-Arten wachsen im tropischen oder subtropischen Klima.

Die Pflanze ist übrigens in Maßen essbar und kann wegen ihres sauer-zitronigen Geschmacks zum Ersatz von Essig in Salaten verwendet werden. Der hohe Gehalt an Oxalsäure kann bei übermäßigem Verzehr zu Vergiftungserscheinungen führen.

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