Komm in den totgesagten Wald

Marmagen 03. Dezember 2022

In seinem berühmten Herbstgedicht „Komm in den totgesagten Park“ lädt Stefan George seine Leser ein, ihm auf einen Spaziergang zu begleiten, um mit ihm zusammen das „das tiefe gelb · das weiche grau | Von birken und von buchs“ zu sehen, und „Den purpur um die ranken wilder reben | Und auch was übrig blieb von grünem leben“ zu erleben.

Alles um mich herum liegt im frostigen Nebel und Raureif hüllt das filigrane Geäst der trockenen Samenstände und der Sträucher und Bäume in seine glitzernden Kristalle.

Jetzt ist zwar kein bunter Herbst mehr, sondern wir stehen kurz nach dem Beginn des meteorologischen Winters und ich befinde mich nicht in einem Park sondern in einem Mischwald von Eichen Buchen und Eschen. Aber hier und jetzt ist die Natur trotzdem noch bunt und interessant.

Beim heutigen Spaziergang zu meinem neuen Bienenstand am Rand eines kleinen Waldstücks erinnern mich viele Eindrücke an die Verse des berühmten Lyrikers: die trockenen, hellbraunen Fruchtstände von wilden Möhren und Bärenklau, die grauen, stachelbewehrten Sammelfrüchte der Kletten, die von hiergebliebenen Wintervögeln auf Reste reifer Samenkörner durchsucht werden, und darauf warten, sich im Fell vorbeistreifender Tiere zu verhaken, die roten Früchte des Weißdorns und der Wildrosen, oder die blauen Beeren der Schlehenhecken.

Neben den purpurfarbenen Ranken der immer noch grün belaubten Brombeersträucher springt mir vor allem das satte Grün des Ilex aquifolium, der Stechpalme, ins Auge.

Auffälliges Merkmal sind die gezackten, hellgerandeten, ledrigen Blätter des Strauches, die sich anfühlen, wie mit einer Wachsschicht überzogen. Wo die Europäische Stechpalme im Unterholz eines Laubwaldes gedeiht, wird sie bis zu 5 Meter hoch. Unbedrängt von anderen konkurrierenden Bäumen kann Ilex sogar als Baum eine Höhe von bis zu 20 Metern erreichen und regelrechte Wälder bilden.

Die streng geschützte, immergrüne Pflanze heißt bei uns in der Eifel Walddistel, wegen ihrer stacheligen Blätter. Wenn man die Blätter in den höheren Regionen des Strauches oder des Baumes betrachtet, erkennt man, dass dort die Stacheln der Blätter verschwunden sind und eine eher lanzenförmige Gestalt haben. Blattpolymorphismus, „Blattmehrgestaltigkeit“, nennen die Botaniker dieses Phänomen. Die Pflanze schützt so wohl ihr bodennahes Laub vor Wildfraß.

Das Laub des seltenen Hartlaubgewächses hat noch eine weitere wichtige Funktion. Auf dem dicken, glatten Blatt, das im Gegensatz zu fast allen anderen Laubgehölzen leichten Frost gut verträgt, können sich Schnee und Raureif dank der leicht nach oben gebogenen Stacheln besser halten, und so zusätzlich das Blatt gegen Kälte isolieren.

Die Stechpalme ist ein Relikt aus dem Tertiär. In diesem Erdzeitalter lag Europa noch in den Tropen. Mit den tektonischen Verschiebungen der eurasischen Erdplatte in den kälteren Norden verschwanden Hartlaubgewächse zunehmend aus unserem europäischen Artenspektrum. Von der ehemals subtropischen Vegetation sind die Stechpalme und der Buchsbaum noch die einzigen belaubten Arten unserer Klimazone , die im Winter ihr Laub nicht abwerfen.

Während vergangener Eiszeiten hatte sich die seltene Wildform in den Mittelmeerraum zurückgezogen, um sich dann mit den anderen Gehölzen in den letzten 12000 Jahren wieder nach Norden hin zu verbreiten.

Im Zuge der Erderwärmung hat sich die Stechpalme in den letzten Jahrzehnten weiter bis zur skandinavischen Halbinsel verschoben. Klimaforscher sehen das als eins der vielen besorgniserregenden Indizien für die schleichende menschenverursachte Klimakatastrophe.

Die Stechpalme ist zweihäusig, das heißt, dass es für eine Befruchtung sowohl einer männlichen als auch einer weiblichen Pflanze bedarf. Nur die weiblichen Pflanzen bilden rote Beeren aus.

Im angelsächsich-amerikanischen Kulturraum sind Ilexzweige mit ihren roten Früchten neben den Mistelzweigen die traditionelle Weihnachsdekoration. In Amerika, wird die Stechpalme hierfür in großen Plantagen angebaut . Das mit dem „Holly Branch“ verbundene Weihnachtsbrauchtum geht wohl eher auf heidnische Kulte zurück. Die immergrüne Stechpalme, der Efeu und die Misteln wurden verwendet, um das Fest der Wintersonnenwende zu feiern, böse Geister abzuwehren und neues Wachstum zu feiern.

Im christlichen Volksglauben symbolisieren die stacheligen Blätter die Dornenkrone Christi. Die Beeren stehen dabei für die Blutstropfen, die durch die Dornen der Walddistel verursacht wurden. Deshalb wurde die Europäische Stechpalme zusammen mit anderen Pflanzen als ein Motiv christlicher Mythologie im Osterbrauchtum verwendet. (Mythologem)

Die Verknüpfung von Pflanzen wie der Stechpalme mit mythologischen Inhalten nimmt Goethe in seinem Gedicht „Symbole“ ironisch auf die Schippe:

Symbole

Im Vatikan bedient man sich
Palmsonntags ächter Palmen;
Die Cardinäle beugen sich
Und singen alte Psalmen.
Dieselben Psalmen singt man auch
Oelzweiglein in den Händen,
Muß im Gebirg zu diesem Brauch
Stechpalmen gar verwenden;
Zuletzt, man will ein grünes Reis,
So nimmt man Weidenzweige,
Damit der Fromme Lob und Preis
Auch im Geringsten zeige.
Und habt ihr euch das wohl gemerkt,
Gönnt man euch das Bequeme,
Wenn ihr im Glauben euch bestärkt;
Das sind Mythologeme.

Bei mir zu Hause musste in Ermangelung von Palmen, Olivenzweigen, Stechpalmen und Weidenruten Zweige vom Buchsbaum als ein solches „Mythologem“ herhalten, aber das wäre jetzt eine andere Geschichte.

Weiterführende Informationen zum Baum des Jahres 2021 unter https://www.lwf.bayern.de/boden-klima/292770/index.php

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